Erwachsensein!
Eines Tages, wenn ich erwachsen werde!

Berlin-Salvador-Berlin, Der Reisende


Ich wa´ so am Sitz´n und Stink´n über den Trip meines Vaters nach Brasilien. Als er nach Hause kam, war Papa brauner und müde und über ´n paar Sachen hat er gesprochen und sich gefreut und über and´re, na ja, da hatte er ´n bisschen Probleme d´rüber zu sprechen. Ich weiß nich´ warum, eigentlich is´ mein Vater ein ziemlich gesprächiger Mann? Also hab´ ich ihn gefragt, über seine Reise für mich zu schreiben, damit ich verstehen konnte, was er gesehen, gehört, gefühlt und gelernt hat!?

Ankunft Flughafen Tegel, rechtzeitig, wie ich sollte! 3 Stunden vor einem internationalen Flug! Ich war auf meinem Weg nach Salvador/Bahia, Brasilien, um an dem IV. Mercado Cultural Festival teilzunehmen, auf Einladung des Departments für Kultur, Los Angeles/Kalifornien und des African Marketplace, freundlichst vertreten durch Herrn James Burks. Ich war müde und vielleicht aufgeregt, aber freute mich nicht wirklich auf 12 Stunden in einem Flugzeug nach Brasilien! Ich wusste, ich sollte teilnehmen, da dies eine großzügige Gelegenheit war, die mir von einem beharrlichen Sponsor entgegengebracht wurde und ich würde Diskussionsteilnehmer sein bei der Erörterung von Festivalproduktion und -leitung sowie Film- und Videovertrieb.

Der Flug war lang, mit einem unzufriedenen Baby vor mir, aber mit unbeständigem, zeitweiligem Schlaf, periodischen Trainingseinheiten, Mahlzeiten und einigen anderen als Klasse A Filmen, verging die Zeit. Ich erfreute mich der graphischen Darstellung auf der Videoleinwand, die mich und alle anderen Reisenden über die Route, Höhenlage und die zurückgelegten Meilen informierte. Als der Pilot unseren Anflug auf Bahia ankündigte, lief ein Video, die Vorzüge des von uns bald besuchten Landes rühmend. Ich war betroffen durch das Nicht-Vorhandensein von sonnengeküssten Menschen während des gesamten Videos bis zum Ende, an dem eine Straßenparade präsentiert wurde, und plötzlich die unsichtbaren-unbesiegbaren Menschen auftauchten, wie sie sich singend, tanzend und lachend ihren Weg in die Brieftaschen, wenn nicht Herzen, der Besucher bahnten. "Wir sind hier, ein bisschen, aber wir sind kein Problem - also hab´ Spaß und erfreue dich an unserem friedvollen und dankbaren Dasein!"

Die auf die Festivalteilnehmer wartenden Menschen hießen mich und andere auf herzliche Art willkommen, und schon bald traf ich in meinem Hotel ein. Angekommen am Berliner Flughafen um 8 Uhr morgens, Ankunft im Hotel in Salvador/Bahia um 4 Uhr morgens Berliner Zeit. Ermüdend, aber warm! Ich schlief spät ein, wachte auf, trainierte Stimme und Körper und machte mich dann auf die Suche nach meiner Kontaktperson und meinem Gastgeber, der sich am Pool aufhielt und mit charmanten Gästen aus den U.S.A. plauderte. Später am Tag besuchte ich eine Filmvorführung, alles auf portugiesisch, wenig von dem, was ich verstand, aber der Film war gut gemacht, und dennoch saß ich mich durch eine menschliche Tragödie nach der anderen...! Ich wurde ebenfalls Zeuge einer Tierschlachtung in einem brasilianischen Schlachthaus, starker Tobak!

Ich hatte dann das große Glück, Fátimá Froes, Leiterin des Panafrikanischen Filmfestivals und dem Journalisten und Filmkritiker José Carlos Avellar zu begegnen. Zudem, dass ich mit Wein und Speisen verköstigt wurde, begleiteten sie mich auf einen Spaziergang durch die Pelourinho Altstadt von Salvador. Bahias Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Schwarzen, obwohl ich mit Bedauern sagen muss: die Chancen auf Zugang zur ökonomischen Entwicklung für alle Brasilianer lässt schwer zu wünschen übrig, wenn es sich um die schwarze Bevölkerung handelt. Ich wurde über einen bevorstehenden Besuch einer Gegend der Pelourinho Altstadt informiert, in der in der Vergangenheit afrikanische Gefangene versteigert und rebellische Sklaven öffentlich ausgepeitscht wurden, wenn einer oder einige von ihnen den nachtragenden und unnachgiebigen Herren beleidigt hatten. Ich fühlte einen nahezu überwältigenden Schmerz und Empörung über die Dreistigkeit von Menschen, die wiederholt gnadenlos und brutal solche abscheulichen, verachtenswerten Verbrechen verübten, währenddessen, so informierten mich meine Begleiter, das Verhalten der Sklavenbesitzer und ihre Misshandlungen der Sklaven von der katholischen Kirche gebilligt wurden.

Man muss sich keine Sorgen machen, es ist nur der Körper, der gefoltert wird, die Seelen der Sklaven werden alle Freuden des Lebens im Jenseits genießen!
Ziemlich lahmer Blödsinn!
Ein alter Freund von mir in New York hat immer gesagt, "Gott verachtet das Übel!"
Ich wunderte mich, ob die jüngsten Enthüllungen bezüglich der Kirche Gottes Vergeltung sind.
"Rache hat ein hässliches Gesicht!" hat mein Freund auch immer gesagt!
Das Schweigen der Kirche über diese und andere Angelegenheiten in Bezug auf soziales Bewusstsein ist ohrenbetäubend.

Die Straßen, eng und mit Kopfstein gepflastert, waren gefüllt mit Menschen aller Größen, Figuren und Abstufungen von schwarzer Hautfarbe - tanzen, trinken, verführen, 30 Grad Wärme genießen, begleitet von Rhythmen, die die kulturellen Einflüsse von Salvador/Bahia repräsentieren. Festliche Lichter hingen an Bäumen und Häusern, da Weihnachten sich auf den Weg machte - wieder einmal! Mit Geschenken für einige und für andere, na ja...?!
Ich erinnere mich, dass ich dachte, "Ich bin privilegiert, diese Eindrücke und Klänge zu erleben und aufzunehmen, gute, schlechte und weniger interessante, von so vielen Menschen, die mir gleichen. Sie geben mir die Kraft für meine Unternehmungen und ich habe die Verantwortung erfolgreich zu sein! Für mich selbst und für sie!
Die Konferenzen und Aufführungen waren gut besucht, unterhaltsam und informativ. Wir alle lernten und teilten. Die Verköstigungen mit Wein und Speisen waren reichhaltig, gleichermaßen gut besucht und wurden vielleicht sogar ein bisschen mehr genossen als die Konferenzen! Die Straßen offenbarten eine andere Realität! Am folgenden Abend kehrten wir nach Pelourinho zurück und besuchten erneut denselben offenen Platz, den wir am Abend zuvor aufgesucht hatten, ein großes weiträumiges Viertel, mit Kopfstein gepflasterte Straßen, sich vom höchsten Punkt ausbreitend, bergab, vorbei an der katholischen Kirche auf der rechten Seite. Der Schauplatz, an dem die "totgeschwiegenen Taten" stattfanden, über einen Zeitraum von vielen Jahren.

Das Viertel war gefüllt mit Menschen, die verkauften, bettelten, schauten, kauften! Ein junger Mann, der sich Elvis nannte, schloss sich mir an und überredete-drängte mich, ein Band zu kaufen, dass er mir mit drei Knoten um mein rechtes Handgelenkt band - wobei jeder Knoten einen Wunsch repräsentierte! Nicht, dass ich abergläubig bin, aber andererseits, warum was riskieren!? Es könnte funktionieren! Ich bezahlte den Mann und äußerte pflichtbewusst meine drei stillen Wünsche! Elvis erzählte mir, er ist Capoeira Student und fuhr damit fort, mir mehrere James Brown Spagate zu präsentieren, Richtung Straßenlevel und wieder hoch...
Nicht schlecht!!!
Die Kinder, braun und dünn, rieben ihre Bäuche und drängten die Reisenden, ihnen Geld zu geben, in was auch immer für einer Sprache, von der sie glaubten, der Tourist könnte sie verstehen oder sympathisch finden.
Ich hatte Geld, ich gab welches!
"Dort, doch mit Gottes Gunst, gehe ich."
Ich hörte diesen Satz immer und immer wieder in meinem Kopf, als die Nacht hereinbrach, mit starken Kontrasten von Privileg und Armut, Seite an Seite! Bewaffnete Wachen, Polizei und eilige Touristen - Koexistenz fand und findet statt, unbehaglich!
Ich erinnere mich, mit den Tränen gekämpft zu haben, als mein Schutzschild der Unverwundbarkeit mich gütigst verließ, als die Welt dieser mich umgebenden Wirklichkeit sich allmählich in mein Inneres schlich! Mein Begleiter war rücksichtsvoll und sprach leise zu mir während dieser sensiblen Momente.

Die Tage verflogen und ich erinnere mich an einen alten schwarzen Mann in unserem sehr komfortablen Hotel, der uns ursprünglich am Eingang des Hotels mit grimmiger Miene begrüßte, als wir vom Flughafen eintrafen. Dieser große starke schwarze Mann beschützte das Anwesen und seinen Job, vor dem Wohnsitz des Eigentümers.
Ich dachte an Malcom X, der Hausne..., der Feldne..., und die Ironie des Beschützens solcher, die vielleicht zu der trostlosen Situation so vieler Menschen und Regionen beigetragen haben.
Ich sah diesen Mann jeden Abend als er zur Arbeit kam, um wahrscheinlich Menschen, die so aussehen wie ich, von dem Hotel zu vertreiben, um "die anderen" zahlenden Gäste zu beschützen! Die Menschen, die ich überwiegend in dem Video beobachtete während des letzten Teils meines Fluges nach Brasilien.
Am letzten Tag meiner Erleuchtung in Brasilien und als ein Akt der Solidarität und Kommunikation, stellte ich die allgegenwärtige Tasche, mein ständiger Reisebegleiter mit unserem begehrten Public Relations Material im Innern, beiseite, ging hinüber, streckte meine Hand aus und verbeugte mich vor diesem schwarzen Mann. Das Lächeln, dass er mir entgegenbrachte, strahlte hell und seine grimmige Fassade verschwand. Wir kommunizierten und nahmen Verbindung auf, ohne ein gesprochenes Wort.

Die Bäume auf den Straßen sind mit Lichtern geschmückt und das Hotel besitzt einen Weihnachtsbaum mit all dem Weihnachtsbaumschmuck. Brasilien ist ein Land, in dem 48% des Reichtums von 10% der Menschen kontrolliert wird und die 10%, die sich ganz unten auf der ökonomischen Leiter befinden, erhalten nur 0,07% vom Bruttosozialprodukt oder vom ökonomischen Kuchen!

Dies ist ein Rezept für sich weiter verschlechternde sozio-ökonomische Beziehungen, innerhalb und außerhalb des Landes. Eines Tages werden vielleicht die Geister von Argentinien, Russland, Venezuela, Zimbabwe, Kolumbien und anderer solch potenzieller Katastrophengebiete auftauchen, begleitet von sozialer Erschöpfung, Zerrüttung oder Auflehnung, zunehmend und vielleicht gerecht, resultierend aus Hunderten von Jahren abgestumpfter Gleichgültigkeit, Ausbeutung und Opportunismus.
Im Gespräch mit BrasilianerInnen, die Cuba besucht hatten, existierte Bewunderung für dieses Entwicklungsland, dessen ökonomische und soziale Ressourcen angeblich weit gleichmäßiger verteilt sind als Brasiliens.

Mit der Wahl des Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva und der Ernennung von Gilberto Gil zum Minister für Kultur - ich bete für "Keine Hungernden", um Minister Gil zu zitieren und "Brasilien Ohne Rassismus", wie verkündet von Präsident Lula da Silva in seiner Wahlkampagne - wird ein verbesserter Zugriff auf Brasiliens reiches Potenzial für alle Einwohner gewährt werden.

Weihnachtszeit bei 32 Grad Celsius!
Ich glaube, daran könnte ich mich gewöhnen!
Ich lernte, fühlte, teilte und weinte!
Die Reise und Menschen waren in vieler Hinsicht informativ und daher lohnenswert!

Danke Papa, dass wir jetzt wissen, was du in Brasilien gemacht hast.
So kannte ich dich gar nicht, aber ich bin froh, dass du uns alles erzählt hast.
Das bringt uns alle näher zusammen,
´nacht!

Fountainhead® Tanz Theatre

Copyright, Februar 2003